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Methodik

Drei Familiengenerationen wurden untersucht (Abbildung 1). Die Fokusgeneration (geb. 1950 bis max. 1965) steht im Mittelpunkt der Betrachtung. Diese Personen waren zum Zeitpunkt der Wende zwischen 24 und 39 Jahre alt; d. h. zum Zeitpunkt der Erhebung waren sie zwischen 40 und 55 Jahre alt. Sie wuchsen in der DDR auf (Schulabschluss, Ausbildung, Studium). Bei den Älteren kommen über 15 Berufsjahre in der DDR dazu. 1989 endet bei diesen Personen in der Regel die Normalerwerbsbiografie, und es beginnt eine Phase wechselnder Beschäftigung oder Weiterbildung: Arbeitslosigkeit, Arbeitslosenhilfe, Sozialhilfe und – seit 2005 – ALG II begleiten diese Veränderungen.

Abbildung 1: Drei Familiengenerationen im ländlichen Raum

Die Eltern der Fokusgeneration (Großelterngeneration) ist zwischen 1920 und 1935 geboren, diese Generation hat das Ende der NS-Zeit, zum Teil Vertreibung und den Neuanfang nach 1945 erlebt und sich ein Leben in der DDR aufgebaut. Mit der Kollektivierung und der Mechanisierung der landwirtschaftlichen Berufe veränderte sich das Landleben im Gegensatz zu den Kindheitserfahrungen dieser Generation maßgeblich. Zum Erhebungszeitpunkt war diese Generation aus dem Erwerbsleben ausgeschieden. Die Kindergeneration (Kinder der Fokusgeneration) ist unterdessen zwischen 15 und 35 Jahren alt. Viele Kinder sind selbst arbeitslos, die jüngeren Kinder haben ihre Eltern von Kind auf in Arbeitslosigkeit oder Auffangmaßnahmen erlebt und nicht in einem planbaren normalbiografischen Arbeitsalltag. Die Erhebung liegt in Form von Einzelinterviews vor. Es wurde nach der Lebensgeschichte gefragt. Die Auswertung erfolgte mit dem Analyseverfahren der dokumentarischen Methode (Bohnsack 1989; Bohnsack 2003). Es geht um die Erfassung von Erfahrungen, aus denen die aktuellen Perspektiven und Orientierungen der Interviewpartner/innen erklärbar werden (Nohl 2006). Aus dem wörtlichen Sinngehalt einer Erzählung wird der dokumentarische Gehalt rekonstruiert, der auf die Erfahrung der „kollektiven Sozialisationsgeschichte der Akteure“ zielt, die insbesondere aus deren „milieuspezifischen Bindungen“ herrührt. Milieuspezifische Orientierungsrahmen (die synonym zum Habitusbegriff verwendet werden) sind inkorporierte kollektive Wissensbestände, die in den „modus operandi der körperlichen und sprachlichen Praktiken eingeschrieben sind“ (Bohnsack/Marotzki 1998: 40, 132). Durch die Rekonstruktion von handlungsleitenden Wissensbeständen/impliziten Strukturen, die für den Umgang mit Armut entscheidend sein können, wird der Frage nachgegangen, ob und wie sich Familien angesichts von Erfahrungen mit langer Arbeitslosigkeit bzw. staatlicher Alimentierung wandeln. Wie werden diese Erfahrungen im Alltag ausagiert und auf welche bestehenden Lebenseinstellungen treffen die Armutserfahrungen? Die Umsetzung dieses Zuganges führt über das Familienmilieu, Familie wird nach Gurwitsch zunächst als „Ort unbefragter milieuhafter Sinnzusammenhänge“ begriffen (Hildenbrand/Jahn 1988; Hildenbrand 2003).

Abbildung 2: Stand der Auswertung (01/08)

Die Interviews wurden in ländlichen Gemeinden (22 Personen), Seebädern (5 Personen) und küstennahen (Klein-)Städten (4 Personen) durchgeführt.

Soziodemographie der Familien

Mit dem Bildungsgrad ist eine entscheidende Differenzierung der Familien verbunden. Diese Unterschiede sind besonders in der Fokusgeneration offensichtlich, die Eltern der Mitglieder der Fokusgeneration (Großelterngeneration) sind hingegen homogen ländlich-agrarisch (auch mit Vertreibungshintergrund) geprägt. In dem Sample gibt es nur eine Familie, in der die Eltern den Typ der „DDR-Aufsteiger-Generation“ repräsentieren. Zwei weiteren Familien gelingt der Bildungsaufstieg in der Fokusgeneration. Im bildungsfernen Milieu fehlen meist grundsätzliche Unterschiede im Bildungsstand zwischen den Generationen.

Die regionale räumlich-dörfliche Struktur, in der die Familien leben, ist weitgehend homogen. Ostvorpommerns Dörfer sind inzwischen saniert und oft malerisch von Hügeln, Feldern oder kleinen Wäldchen umrahmt. Die historischen Teile der Dörfer – Gutshäuser, Kirchen – sind wieder zum Blickfang geworden. Leerstehende Höfe sind jedoch auch bei schneller Durchfahrt durch die Gegend nicht zu übersehen. Am Dorfrand oder auch in der Dorfmitte fehlt allerdings der obligatorische DDR-Neubau nicht, hier wohnen inzwischen auch Familien, die ihren (Haus-)Besitz aufgeben mussten. Im Dorf waren die Menschen meist in der Landwirtschaft beschäftigt; wichtige Arbeitgeber waren auch die großen Betriebe und Kombinate in den benachbarten Kleinstädten.

Auch in den Kleinstädten wohnen ärmere Menschen im Plattenbau, wie auf den Dörfern. Oftmals haben die „Kleinstädter“ noch Berufserfahrungen im ländlichen Bereich. Im städtischen Bereich und in den Seebädern ist die ländliche Subsistenzwirtschaft in den Außenbereich verlagert und demzufolge nicht in jeder Familie anzutreffen (im Gegensatz dazu haben auch die Familien in den Neubauten der Dörfer meist noch einen relativ nahen Bereich, in dem sie Vieh halten bzw. Obst und Gemüse anbauen können). Obwohl sich also das räumliche Milieu innerhalb des Landkreises Ostvorpommern unterscheidet, wurde die Untersuchung zuerst auf den ländlichen Bereich gerichtet – Seebäder und kleinere Küstenstädte wurden dann als Kontrast herangezogen, sind jedoch nicht in gleicher Weise urban wie größere Städte.

Die Unterschiede der Familien (Fokusgeneration) im Überblick.

Abbildung 3: Soziodemographische Daten der Familien

Muster familialer Tradierung und ihre Bedeutung für den Umgang mit Armut

Während in den Familien mit Hochschulbildung eine Anpassung an die veränderten Bedingungen nach der Wende erfolgte (was nicht unbedingt eine erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt bedeutet) und Strategien entstanden, mit der Situation umzugehen, zeigt sich in zwei der bildungsfernen Familien, dass der arbeitsbiografische Bruch der Wende nicht kompensiert werden konnte. Während in den Familien Bau und Jäger seit 1990 von angepassten (d. h. wendebedingt geänderten) Erwerbsbiografien gesprochen werden kann, die durch die Insolvenz oder im Fall Jäger durch Kündigung 1996 beendet wurden, ist in den Familien Groß und Wunder die Zeit seit 1990 von einer so genannten Maßnahmenkarriere bestimmt, die ab 2005 zum ALG II-Empfang führte.

Im qualitativen Teil wird belegt, dass es besonders für die Personengruppen mit geringerer Bildung schwierig ist, aus der Arbeitslosigkeit und Transferabhängigkeit herauszukommen. Weiterhin hat sich gezeigt, dass die Wende als historisches Ereignis die Biografien insofern besonders tangierte, als damit nicht nur eine Zeit der Arbeitslosigkeit begann, sondern ein Lebens- und Orientierungssystem zusammenbrach, das darauf gründete, überschaubare und verlässliche Strukturen vorzufinden, welche die wichtigsten Lebensfunktionen unabhängig von besonderen Leistungsvoraussetzungen garantierten. Dabei liegt nicht nur in der Bildungsferne ein Problem für die Transferabhängigkeit; der Umgang mit Arbeitslosigkeit wird wesentlich durch familienspezifische Traditionen bestimmt, die in der Region verankert sind und maßgeblich durch die rigiden Veränderungen der Lebensweise (Krieg, Vertreibung, Kollektivierung) mitbestimmt wurden. Komponenten des Habitus, der über die Generationen tradiert wurde, werden erst nach 1990 zum Problem, das betrifft insbesondere eine auf schicksalhafte Mächte vertrauende Lebenseinstellung. Dieser schicksalhafte Typ manifestiert sich in mehreren Fällen.

Abbildung 4: Muster familialer Tradierung

Weiterhin konnte in der Untersuchung gezeigt werden, dass die Familie nach wie vor eine verlässliche Struktur ist, auf die sich die Menschen im ländlichen Raum beziehen. Da die Transferabhängigkeit inzwischen ein Stück Normalität geworden ist, sind häufig Eltern, Kinder, Großeltern und Geschwister von dem gleichen Los betroffen. Erfolgs- bzw. Misserfolgskarrieren nach der Wende führten allerdings auch zu Barrieren innerhalb der Familien. So konnte in Notlagen ein Rückzug aus der dörflichen Öffentlichkeit auf die Kernfamilien erfolgen, der im Einzelfall mit einer verschärften Wahrnehmung von sozialen Distinktionen einhergehen kann. Die Frage nach der Perspektive der Kinder ist besonders kritisch. Hier spielt wiederum die Milieudifferenzierung eine Rolle. In den Familien mit bildungsfernem Hintergrund, ob ohne Arbeit oder working poor, ergibt sich aus dem qualitativen Sample eine hohe Trefferquote hinsichtlich des Abdriftens der Jugendlichen ins rechte Lager. Devianz und abgebrochene Berufswege sind ebenso häufig anzutreffen.

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