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Zusammenschau der theoretischen Überlegungen und empirischen Befunde

Am Ende der ersten Förderphase unseres Forschungsvorhabens kristallisiert sich heraus, dass unsere Arbeiten über die Arbeiten der dynamischen Armutsforschung in drei wichtigen Dimensionen hinausgehen:

  1. Durch die Analyse verschiedener Datenarten (prozessproduzierte Ereignisdaten, familienbiographische Daten und statistische Kontextdaten) gelingt es uns, die eingeengte Perspektive der auf die verschiedenen Dauern konzentrierten Analysen der dynamischen Armutsforschung zu überwinden und prekäre Lebenslagen umfassender zu begreifen.

  2. Mit der Fokussierung auf Armut im ländlichen Raum in seinen verschiedenen Dimensionen ergänzen und erweitern wir die inhaltlich auf urbane Lebenslagen bezogene Armutsforschung um einen bislang ausgeblendeten Bereich. Dabei begreifen wir prekäre Lebensverhältnisse in Ostvorpommern als Prototyp ländlicher Armut in Ostdeutschland.

  3. Indem wir den Interpretationszeitraum für unsere empirischen Befunde erweitern, d. h. nicht nur das Beobachtungsfenster für den Sozialhilfebezug zwischen 1990 und 2004/07 in den Blick nehmen, sondern auch die »Zeit der Generationen«, die uns Aufschluss über die Tradierung prekärer Lebenslagen gibt, und die  Zeit der »longue durée«, also beginnend mit Zeitraum, der von Webers Enquete (1892) über die Arbeits- und Sozialverfassung in Ostelbien bis zur Abwicklung der industriellen Agrarproduktion der DDR und Restrukturierung der Landwirtschaft nach 1990 reicht, für die Interpretation unserer empirischen Befunde fruchtbar machen, gewinnen wir eine neue Sicht auf die Lebensverhältnisse im ländlichen Raum. Ländliche Armut, deprivierte und prekäre Lebenslagen können so über einen historisch längeren Zeitraum, d. h. in ihrer Entwicklung gesehen werden (Mayer 2006).

Abbildung 1: Ebenen von Zeitlichkeit

Bei unseren Analysen und Interpretationen sind wir so nicht länger auf ein kleines Beobachtungsfenster, ein Zeitscheibchen oder eine einzige spezielle Datenart angewiesen. Die Auswertungsarbeiten laufen auf einen zentralen Befund hinaus. Armut im ländlichen Raum Ostvorpommerns ist keineswegs eine „verzeitlichte“, keine kurzfristig zu überwindende Lebenslage. Selbst wenn die mittleren Bezugsdauern in unserem Untersuchungsbereich für den Zeitraum von 1990 bis 2004 sich nicht wesentlich von den Befunden der Bremer und Hallenser Studie unterscheiden, zeigen Analysen der statistischen Amtsdaten – bezogen auf Mecklenburg-Vorpommern und den Landkreis Ostvorpommern – ebenso deutlich wie unsere familienbiographischen Analysen, dass sich prekäre Lebenslagen eher verfestigen und von den betroffenen Familien als Generationen überdauernde Lebenslagen erfahren werden. Scheinbar wie in einem Brennglas bündeln sich Unterbeschäftigung der ländlichen Bevölkerung, Unterversorgung mit Gütern und Dienstleistungen, Einkommensschwäche und Unterausstattung mit materiellen Ressourcen in schrumpfenden sozialen Räumen sowie erodierende soziale und familiale Netzwerke mit der Entwertung von beruflichen Qualifikationen. Eingeübte kulturelle Praktiken im Umgang mit der kommunalen Verwaltung bzw. staatlichen Institutionen überhaupt funktionieren seit langem nicht mehr und bündeln sich mit dem seit 1990 immer noch fortwirkenden Zusammenbruch biographischer Orientierungs- und Handlungsmuster für große Teile der ländlichen Bevölkerung.

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